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Kulturschock II

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01.10.2015KulturschockIIAn vielen Tagen fühlen wir uns sehr beschenkt und manchmal haben wir das Gefühl, dass uns ein hoher Preis abverlangt wird. Kurz: Wir sind gerade in eine sogenannte Kulturschock-Phase abgerutscht. In so einem Tief haben wir uns im Sommer 2013 befunden, als wir etwa 6 Monate hier waren. Jetzt sind wir ziemlich genau zwei Jahre in Bontoc und das neue Jahr hat mit einigen Tiefschlägen begonnen. In den letzten Tagen und Wochen hat sich da so einiges zusammengesammelt und davon wollen wir ein bisschen erzählen.
Finanzielle-Unsicherheit: Der Geldautomat funktioniert nicht – das gibt es immer mal wieder und überall. In Deutschland geht man einfach eine Straßenecke weiter zu einer anderen Bank und hebt dort das Geld ab. In Bontoc ist das etwas anders. Hier haben wir ein lokales Dollar-Konto, auf das unsere Lebenskostenpauschale in Schweizer Franken überwiesen wird. Dann ziehen wir das Geld auf unser lokales Giro-Konto und heben mit der Geldkarte Philippinische Peso ab. Unsere Bank hat so einen Geldautomaten und dann gibt es noch eine andere Bank in Bontoc und noch eine in Sagada. Das macht also drei Geldautomaten in der Mountain Province. Geld vom Automaten gibt es zu Banköffnungszeiten – ist die Bank zu, gibt es auch kein Geld. Wir können sogar Geld abheben wenn Stromausfall ist, weil unsere Bank einen Generator hat. Nur wenn das Internet nicht funktioniert, dann geht erstmal nix in der Bank. Und weil gerade unser Internet sehr schlecht ist, kam es vor Weihnachten zu dem Fall, dass es auch kein Geld gab. An eine Post ohne Briefmarken haben wir uns schon gewöhnt, aber eine Bank wo es kein Geld gibt, war neu. Blöd, wenn dann das Bargeld zu Hause ausgeht, die Giro-Karte sich dem Ende zuneigt und man auch an das Geld vom Dollar-Konto nicht dran kommt – wie gesagt ohne Internet geht in der Bank nix. Das Foto oben zeigt unseren Kassensturz: ca. 5 Euro. Na und dann hatte eine Bankmitarbeiterin die Idee, es einfach telefonisch über die nächste Filiale in Lagawe / Ifugao Province zu regeln. Am nächsten Tag hatten wir dann auch wieder Geld: Allerdings hatte sich die allgemeine Bargeldsituation in Bontoc dann schon so zugespitzt, dass der zweite Automat nur noch kleine Scheine ausgegeben hat. Da fühlt sich das Weihnachtsgeld gleich nach viel mehr an. Und gelernt haben wir, dass unser Sicherheitsbedürfnis auch von dem tatsächlich verfügbaren Bargeld mit abhängt, damit wir selbstbestimmt und unabhängig agieren können.
Abgeschnittenes Netzwerk: Am Internet hängt nicht nur unser Bargeld, sondern etwas viel Wertvolleres: Unser soziales Netzwerk nach Deutschland und in die Welt. Seit mehreren Wochen ist die Verbindung so schwach, dass skypen nur noch ohne Bild und selten mit Sprachübertragung klappt. D.h. nach einem kurzen „Hallo“ bricht die Leitung zusammen und wir müssen uns neu einwählen. Dann ein „Wie gehts?“ und das Spielchen wieder von vorne. Wir bekommen kaum noch etwas von unseren Familien und Freunden mit und sie auch nicht von uns. Wenn unmittelbarer Kontakt nicht möglich ist und Beziehung medial abhängig ist, dann kostet eine schwache Internetverbindung über einen längeren Zeitraum nicht nur viele Nerven sondern auch reale Beziehungszeit.
Schlafdefizit: Die Zeitverschiebung von 7 Stunden und das mühsame Internet lassen uns oft nachts vorm Computer verzweifeln. Nach 23 Uhr wird die Verbindung etwas besser, aber das Schlafdefizit wird dadurch nicht geringer, was sich dann wiederum am nächsten Tag mit den Kindern bemerkbar macht. Die sind nämlich schon um 6 Uhr wieder fit und wollen spielen statt sich anziehen, kleckern statt frühstücken, trödeln statt Zähne putzen, rumhampeln statt Haare kämmen… kein Thema, wenn man selber ausgeschlafen ist. Aber in unserem Fall kommen wir da oft an die Grenze und so wird schon Morgens geschimpft, damit es alle pünktlich zur letzten Schulglocke in die Stadt schaffen. Ein nicht so gelungener Start in den Tag.
Sitzungs-Kultur: Oft haben wir große Ohren und genug Geduld für lange Sitzungen. Aber zum Jahresbeginn gab es einen Sitzungsmarathon mit dem Pastoralteam, wo wir einfach an unsere Grenzen in Sachen Sitzungskultur kamen. Wir stecken locker einen Tag lang ein unstrukturiertes Gespräch, eine schwache Gesprächsführung, zirkuläre Diskussionen etc. weg – wenn es drauf ankommt halten wir auch zwei Tage aus. Aber nach vier Tagen waren wir völlig am Ende. Die Sehnsucht war groß nach einem Moderator mit Plan oder einer Leitung mit Vision. Klar, wenn hier alles wie am Schnürchen laufen würde, bräuchte es uns nicht. Es gibt Priester und pastorale Kolleginnen, die sich auch daran stören, aber in ihr „never mind“ oder „at least he tried“ können wir gerade nicht ehrlich einstimmen.
Verluste: Gleich am zweiten Tag des neuen Jahres ist uns die Kamera verlustig gegangen – lustig war das freilich nicht. Im Bus haben wir sie vergessen und als wir es bemerkt haben war sie weg. Der Busfahrer hat sie nicht gesehen und der Busbegleiter auch nicht. Bei der Polizei wurde sie nicht abgegeben und beim Radio auch nicht. Weg ist weg – aber seit heute haben wir Ersatz (es wird also auch in 2015 Fotos und Filme geben). Das hat uns einen Tag gekostet: Morgens mit dem ersten Bus nach Baguio, mittags schnell in ein paar Fotogeschäfte. Da die Auswahl sehr überschaubar war und die Beratung sparsam, muss man sich da auch nicht länger mit beschäftigen. Und dann ging es mit dem letzten Bus wieder zurück nach Bontoc. Die Rechnung sieht dann so aus: 12 Stunden Busfahrt und 3 Stunden Shopping für eine neue Kamera.
Kaputt: Weil der Scanner vom Drucker kaputt ging, mussten wir am ersten Bürotag auch gleich mal in Bontoc in ein Elektrofachgeschäft einkaufen gehen. Die sehen hier ganz einfach aus: Eine Theke, dahinter mehrere Kisten von einem Druckertyp, die kann man kaufen oder es sein lassen – wir haben da mal zugegriffen, damit das Büro auch wieder funktioniert. Als die Berichte in der Warteschleife ausgedruckt waren, konnten wir auch gleich die Patrone ersetzen.
Kleinigkeiten: Ansonsten ist unser Kindermädchen aus dem Urlaub noch nicht zurück, Wettertechnisch ist es gerade sehr frostig und weil beim Spülen ein Brett im Abtropfgitter umgefallen ist, haben wir auch zu Beginn diesen Jahres wieder den Wasserhahn ersetzt…
Altlasten: Nicht alle offenen Fragen und Anliegen aus dem letzten Jahr konnten wir hinter uns lassen. Wir tragen da noch an so einigen Päckchen mit den Labeln: Haus und Garten, CoMundo… und die Päckchen scheinen mit der Zeit immer schwerer zu werden…
Kulturschock II: All diese Alltäglichkeiten und Kleinigkeiten tragen also gerade zu einem ernsthaften Stimmungstief bei. Fragen, ob unser Mitarbeiten wirklich wertvoll ist, ob unser Einsatz denn geschätzt wird, ob wir jemals lernen eine Sprache zu sprechen, die auch verstanden wird oder ob wir einfach nicht die Sprache der anderen verstehen, ob der Preis der vielen kleinen Abstriche nicht doch langsam etwas hoch ist, ob es uns am Ende die Beziehung zu Familien und Freunden kosten wird?!?

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Autor: maiersinbontoc

Familie Maier in Bontoc

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